Einwanderungsstadt München: Drei Fragen an Songül Akpinar zur Kommunalwahl am 8. März

Am 8. März ist Kommunalwahl in München. Was die Wahl für unser Mitglied MORGEN e. V. und migrantische Stimmen allgemein bedeutet, beantwortet Vorsitzende Songül Akpinar im Kurzinterview.

Songül Akpinar ist selbstständige Dolmetscherin, arbeitet im Sozialdienst der AWO und wurde 2018 in den Vorstand des Ortsverband Zentral der Grünen gewählt. Seit mehr als 30 Jahren ist sie im Vereinswesen aktiv, war Vorstandsvorsitzende von kurdischen Vereinen und seit 2010 Mitglied des Migrationsbeirats der Landeshauptstadt München. 2013 wurde sie zur Vorstandsvorsitzenden von MORGEN e.V. gewählt. Foto: MORGEN e. V.

Was bedeutet die anstehende Kommunalwahl in München für Dich persönlich und für die Communities und Organisationen, die MORGEN e. V. vertritt?

Die anstehende Kommunalwahl in München ist für uns als MORGEN e. V. von großer Bedeutung. Sie entscheidet darüber, wie inklusiv, gerecht und zukunftsorientiert unsere Stadt in den kommenden Jahren gestaltet wird. Für die von uns vertretenen Communities und Organisationen geht es dabei nicht nur um politische Programme, sondern um konkrete Lebensrealitäten: um Teilhabe, Chancengerechtigkeit, Antidiskriminierung und eine verlässliche Förderung migrantischer Strukturen.

Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte prägen München seit Jahrzehnten – sozial, kulturell und wirtschaftlich. Dennoch sind sie in politischen Entscheidungsprozessen nach wie vor unterrepräsentiert. Die Kommunalwahl ist daher eine wichtige Chance, politische Weichen für mehr Sichtbarkeit, Mitsprache und strukturelle Gleichstellung zu stellen. Für uns persönlich ist sie auch ein Moment der Verantwortung: Wir verstehen uns als Vermittelnde zwischen Stadtpolitik und migrantischer Zivilgesellschaft.

Wo erlebst Du aktuell die größten Hürden für echte politische Mitgestaltung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf kommunaler Ebene und was erwartest Du konkret von der nächsten Stadtregierung?

Die größten Hürden sehen wir in strukturellen Barrieren. Dazu gehören fehlende Zugänge zu politischen Entscheidungsprozessen, komplizierte Verwaltungsabläufe, begrenzte Ressourcen für migrantische Vereine sowie mangelnde Repräsentanz in Gremien und politischen Ämtern. Auch institutioneller Rassismus und fehlende Diversitätskompetenz in Teilen der Verwaltung erschweren eine echte Beteiligung.

Hinzu kommt, dass viele engagierte Menschen ohne deutschen Pass auf kommunaler Ebene nicht wählen dürfen. Dadurch bleiben zentrale Perspektiven unberücksichtigt, obwohl diese Menschen unmittelbar von kommunalpolitischen Entscheidungen betroffen sind.

Von der nächsten Stadtregierung erwarten wir ein klares Bekenntnis zu echter Partizipation. Das bedeutet: frühzeitige Einbindung migrantischer Organisationen in politische Prozesse, transparente Förderstrukturen, langfristige finanzielle Absicherung unserer Arbeit sowie die systematische Öffnung von Verwaltung und städtischen Institutionen für mehr Diversität. Beteiligung darf nicht symbolisch bleiben, sie muss verbindlich und wirksam sein.

Welche politischen Signale wünscht Du Dir nach der Wahl, damit migrantische Vereine nicht nur gehört, sondern als gleichberechtigte Partner*innen in der Stadtgesellschaft anerkannt werden?

Wir wünschen uns nach der Wahl deutliche politische Signale, dass migrantische Organisationen als selbstverständlicher Teil der Stadtgesellschaft anerkannt werden – nicht nur als Projektträger oder „Integrationsakteure“, sondern als zivilgesellschaftliche Expert*innen mit eigener fachlicher und gesellschaftlicher Kompetenz.

Ein starkes Signal wäre die strukturelle Verankerung migrantischer Perspektiven in relevanten Ausschüssen und Beiräten sowie die langfristige institutionelle Förderung von Dachverbänden wie MORGEN e. V. Aktuell erleben wir leider eher eine Reduktion der Fördermittel aufgrund der angespannten Haushaltslage. Es ist allerdings überlebenswichtig für MORGEN e.V., weiterhin ein Mindestmaß an Förderung für die Verwaltungs- und Personalstrukturen zu bekommen. Aktuell ist es noch möglich, durch aktive Akquise auf Bundesebene und bei Stiftungen, unsere Arbeit aufrecht zu erhalten. Sollten die Kürzungen aber weitergehen und die Bundesebene ebenfalls weniger Mittel zur Verfügung stellen (z.B. ist unklar, ob das Programm House of Resources über 2026 hinaus weitergeht),  ist die Arbeit und Existenz von MORGEN e.V. ernsthaft bedroht. 

Ebenso wichtig ist eine klare Haltung gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung verbunden mit konkreten Maßnahmen und Ressourcen.

Wir erwarten eine Politik, die Vielfalt nicht nur als Herausforderung, sondern als Stärke begreift. München ist eine Einwanderungsstadt und diese Realität sollte sich auch in ihren politischen Strukturen widerspiegeln. Nur so können migrantische Vereine als gleichberechtigte Partner*innen auf Augenhöhe mitgestalten.
 

Songül Akpinar ist selbstständige Dolmetscherin, arbeitet im Sozialdienst der AWO und wurde 2018 in den Vorstand des Ortsverband Zentral der Grünen gewählt. Seit mehr als 30 Jahren ist sie im Vereinswesen aktiv. Sie war Vorstandsvorsitzende von kurdischen Vereinen. Seit 2010 ist sie Mitglied des Migrationsbeirats der Landeshauptstadt München. 2013 wurde sie zur Vorstandsvorsitzenden von MORGEN e.V. gewählt.

Der NeMO-Mitgliedsverbund MORGEN e. V. hat sich unter anderem dem Bündnis „Stadt für Alle“ angeschlossen, das sich insbesondere für die Bereiche Klimaschutz, Mobilität und Wohnen einsetzt und am 10. Februar 2026 bei einer Presseaktion auf dem Marienplatz seine Forderungen an Stadtratsmitglieder verschiedener Fraktionen übergeben hat. Im Bündnis ist MORGEN e. V. über die Münchner Initiative Nachhaltigkeit eingebunden.

Foto: MORGEN e. V.