Vorwort

Der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (NeMO) ist eine neue politische Stimme in der Einwanderungsgesellschaft, ein Forum vieler Stimmen mit Bildern und Tönen aus der Geschichte der Migration. Bereits seit 2016 stellt BV NeMO die Triade „Rassismus- und Diskriminierungskritik, Teilhabe und Anerkennungsgerechtigkeit“ in den Mittelpunkt seiner Positionierung. Und das ist kein Zufall.

Im Rahmen dieser Positionierung, ist BV NeMO’s Arbeit interessenvertretend unterwegs. 22 Verbünde in 10 Bundesländern mit über 700 Mitgliedsvereinen fließen in BV NeMO ein. Diese Vielfalt lebt bereits die Idee einer neuen Stadtgesellschaft und der Gemeinschaft in ihr. Die verstärkte Präsenz von Migrant*innenorganisationen vor Ort macht das Gespräch über Stadtgesellschaften in der Einwanderungsgesellschaft sichtbar(er). Mit Gespräch meinen wir den Austausch über Teilhabe, Inklusion und Zusammenhalt vor Ort und wie diese kollektiv zu gestalten sind.

Kurzbiografie

Dr. Elizabeth Beloe ist Sozial- und Kulturanthropologin.
Sie ist geschäftsführender Vorstand und erste stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. Zudem ist sie im Leitungsteam vom erfolgreichen Projekt samo.faPlus (Stärkung der Aktiven aus Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit) mit bundesweit 31 Standorten. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Migration, Internationale Zusammenarbeit, zukunftsfähige Entwicklungsstrategien, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Integration und Konfliktmanagement. Dr. Beloe lehrt im Bereich Menschenrechte und soziale Arbeit in Berlin.

photo credit: Alex Serdyuk

Den Weg dieser gemeinsamen Gestaltung müssen wir jedoch zusammen weitergehen, denn Teilhabe, Partizipation und Inklusion sind vor Ort noch lange nicht für alle Realität. Menschen mit Migrationsgeschichte sind in den Kommunalparlamenten nach wie vor unterrepräsentiert und das Kommunalwahlrecht für alle Einwohner*innen ist noch immer nicht durchgesetzt. Partizipation- Teilhabe und Integrationsgesetze gibt es nur in vier von 16 Bundesländern.

Es gibt also noch viel zu tun. All das oben erwähnte, die Arbeit der Sichtbarmachung, der Gesprächskultur, der Gestaltung und das neu denken der Stadtgesellschaften findet politisch und strategisch auf zwei Ebenen statt. BV NeMO agiert systemisch einmal nach innen, das heißt es setzt sich für die Schärfung seines einwanderungs- und teilhabepolitischen Profils ein. Nach außen, unterstützt der BV NeMO die Verbünde, Migrant*innenorganisationen, BiPoC und viele andere Menschen bei der Manifestation ihrer Stimme(n). Es geht auch darum, Medien zu finden, die ihre Forderungen den Ausdruck verleihen.

Wir hoffen, dass wir mit diesem Dossier Neue Stadtgesellschaft einen Beitrag leisten können, der viele Geschichten erzählt, zum Nachdenken anregt und einige Botschaften der Migrant*innenorganisationen gerecht rüberbringt. Es geht um das Miteinander in der Stadt, um den Anstoß politischer Diskurse, um die Selbststärkung und Autonomie von Migrant*innenorganisationen.

Macht mit und werdet ein Teil unseres Netzwerks!

Dr. Elizabeth Beloe, Juli 2021

EINFÜHRUNG ‚Medien und Migration‘

Medien und Migration‘ ist ein genauso glühendes Dauerthema wie ‚Migrant*innen in den Medien‘. Dabei geht es nicht nur darum, wie das ‚Thema‘ in den Medien redaktionell bearbeitet und umgesetzt wird, sondern es geht auch um die Akteur*innen und die Medienmacher*innen. Wer erinnert sich nicht noch an die kontroversen medialen Auseinandersetzungen, nach dem sogenannten „Sommer der Migration“ im Jahr 2015? Im selben Jahr gründeten wir in Dortmund den Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. ( NeMO), der dann Träger des bundesweiten Projekts „Stärkung der Aktiven aus Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit“ (samo.fa) wurde. Auch wir haben seitdem Erfahrungen im Umgang mit diversen Medien und Medienma-cher*innen gesammelt.

Damals bemängelten die einen, dass Migration negativ und nur als Bedrohung für die Einwanderungsgesellschaft Deutschland dargestellt werde. Andere hingegen kritisierten, dass die Darstellung in der Presse zu optimistisch sei, dass nur von Bereicherung gesprochen werde und Probleme verschwiegen würden.

Das Geflüchtete auch selbst Mediennutzer*innen und Medienmacher*innen sind, zeigte im Spätsommer 2015 das berühmt gewordene Foto des Syrers Anas Modamani, der zusammen mit der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel ein Selfie machte. Damals wusste er nicht, dass die nette Frau ganz in Türkis gekleidet, die da an seiner Erstaufnahmeeinrichtung vorbeikam und dann freundlich in sein Smartphone lächelte, die Regierungschefin Deutschlands war. Auch ein Aspekt: Medien, Information und Wissen. Das Foto jenes Social Media-Fotografierens in Berlin ging um die ganze Welt. Aber was passierte jenseits von Social Media, in den großen Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Radio und ihren dazugehörigen Online-Formaten?

 

Geflüchtete und Migrant*innen machten regelmäßig die Erfahrung, dass sie oft nur Objekte im Auf und Ab der Berichterstattung waren. Inzwischen gibt es zum Glück auch Personen in den etablierten Medien, die allen klarmachen, dass ein Großteil der Bevölkerung dieses Landes eine Migrationsgeschichte mit sich trägt. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat, wie man noch immer sagt – einen Migrationshintergrund. Und als Linda Zervakis, die Nachrichtensprecherin und Fernsehmoderatorin, zur besten ARD-Sendezeit im Ersten die Tagesschau-Nachrichten vorlas, war sie auch eine ständige Erinnerung an die Arbeitsmigration.

In den 1960er Jahren waren ihre Eltern von Griechenland nach Westdeutschland gekommen. In der Medienlandschaft fest etabliert, verfügte Zervakis dann auch über eine solche Popularität, dass sie mit Erfolg einen hörenswerten Podcast mit vielen illustren Prominent*innen über Migrationsbiografien machen konnte. Im Juni 2020 startete sie ihre wöchentliche Reihe „Linda Zervakis präsentiert: Gute Deutsche“.

Zur Erfahrung unseres Projekts gehört es, dass Geflüchtete irgendwann keine Lust mehr hatten darauf zu warten, dass hauptberufliche Journalist*innen ihnen ein Mikrofon vor die Nase halten oder endlich ihre Perspektiven, Erlebnisse und Erfahrungen aufschreiben und angemessen veröffentlichten. Einige haben begonnen, selbstbestimmt Medien zu nutzen, um sich Gehör zu verschaffen und Diskurse mitzugestalten. Das reicht von WhatsApp-Gruppen über Internetseiten der Migrant*innenorganisationen, eigenen Video- oder Radioproduktionen, bis zu ortsunabhängigen Streaming-Formaten.

Warum und wie sie das tun, darüber informiert dieses digitale Dossier. Willkommen in der Neuen Stadtgesellschaft!

Autor: Günter Platzdasch

BV NeMO - eine neue politische Stimme in der Einwanderungsgesellschaft

Eine Stadtgesellschaft neu denken bedeutet, eine Vision darüber zu haben, was in ihr möglich ist und diese dann im “hier und heute” verankern. Eine Stadtgesellschaft braucht Teilhabe und Partizipation aller ihrer Mitglieder, den gemeinschaftlichen Zusammenhalt, Unterstützung und Förderung durch menschliche sowie finanzielle Ressourcen. Der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (NeMO) vereint die Stimmen von 22 Verbünden (mit mehr als 700 Migrant*innenorganisationen) und gestaltet sich als die neue politische Stimme in der Einwanderungsgesellschaft.

Gründungshintergrund

Kontinuierliche Migration ist ein Kennzeichen der globalisierten Welt, in der wir alle leben. In Deutschland, ein Einwanderungsland mit mehr als 60 Jahren neuer Einwanderung, leben Menschen mit Migrationsgeschichten, die viele und bunt, alt und neu sind. Diese erzählen von der Flucht vor Krieg, der Suche nach Arbeit oder besseren Bildungschancen in Orten, wo sie sich auch Teilhabe und Partizipation erhoffen. Jedoch sind Menschen mit Migrationsgeschichte überproportional von Benachteiligung betroffen und müssen sich oft dem Alltagsrassismus und (verdeckten) strukturellen Diskriminierung stellen. Dafür brauchen sie Stärkung vor Ort, die häufig in Form von Migrant*innenorganisationen und lokalen Verbünden zu finden ist. Diese sind unverzichtbar für die Verbesserung der lokalen Lebensverhältnisse und der Kräftigung des bürgerschaftlichen Engagements. BV NeMO überbrückt und unterstützt die lokalen Verbünde in ihrer Arbeit und ist mit seinen Zielen stets in der „lokalen“ Basis verwurzelt.

Wege der Unterstützung

Die lokalen Verbünde sind in verschiedenen Bereichen aktiv, ob praktisch oder als emotionale Unterstützung, sie sind nah an Lebensverhältnissen von Menschen mit Migrationsgeschichte und für die Förderung ihrer Teilhabe unentbehrlich. Die Arbeit, die sie leisten ist ein großer Teil des gesamtbürgerschaftlichen Engagements, wird aber noch viel zu wenig gesehen und anerkannt. Das muss sich ändern, sie und ihre Arbeit müssen sichtbarer werden und BV NeMO arbeitet daran. Ein Beispiel ist das seit 2016 laufende Projekt samo.fa (Stärkung von Aktiven aus Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit). Es vernetzt vor Ort Aktive aus Migrant*innenorganisationen in der Geflüchtetenarbeit miteinander und mit anderen lokalen Akteur*innen. Deutschlandweit beteiligen sich mehr als 700 migrantische Vereine und Initiative in 32 Städten mit rund 9000 bürgerschaftlich Aktiven am Projekt. Die Arbeitsweise der lokalen Verbünde und des BV NeMO sind immer konkret und problemorientiert. Die verschiedenen Handlungsfelder folgen lokalen Bedürfnissen und Herausforderungen und der Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung ist eine wichtige Querschnittsaktivität. 

 

Neue politische Stimme

Um Einfluss auf die Länder- und Bundespolitik zu nehmen, die Entscheidung über Rahmenbedingungen von Teilhabe und für wirksames Handeln vor Ort zu treffen, bedarf es einer gemeinsamen politischen Stimme der lokalen Verbünde. Das ist zugleich die erste Aufgabe von BV NeMO. Die zweite bezieht sich auf die Unterstützung der Arbeit von lokalen Verbünden, wie zum Beispiel der fachlich-politische Austausch sowie die Begleitung bei der Gründung und dem Aufbau neuer Verbünde. Die Geschäftsstellen (Dortmund und Berlin) entwickeln und bieten im engen Austausch mit dem Vorstand des

Bundesverbands und den lokalen Verbünden verschiedene „Dienstleistungen“. Hierzu gehören u.a. die Interessenvertretung auf Bundesebene, Entwicklung eines Berichtssystems zur Lage von Menschen mit Migrationsgeschichte „vor Ort“ und Fachliche Vertiefungen wie z. B. durch die Durchführung von Projekten. Diese Arbeit braucht Förderung für ihre Nachhaltigkeit.

Ressourcen für Wachstum

Eine Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland lebt von Teilhabe und Partizipation seiner Einwohner*innen und Bürger*innen, einschließlich der mit Migrationsgeschichte. Diese benötigen verstärkte Unterstützung von lokalen Verbünden von Migrant*innenorganisationen die wiederum selbst Unterstützung brauchen. Eine maßgebliche Beteiligung von den lokalen Verbünden muss auf der lokal-kommunalen Ebene selbstverständlich werden. Neben menschlichen Ressourcen ist eine verstärkte finanzielle Förderung notwendig, vor allem in der Form der langfristigen Strukturförderung, die über der kurzfristigen Projektförderung hinausgeht.

Zusammen können wir unsere Stadtgesellschaften neu denken.
Mehr erfahren…

 

Autorin:
Lejla Medanhodžić

Kurzbiografie

Lejla kommt ursprünglich aus Bosnien und Herzegowina und lebte in vielen Ländern und Städten, bevor sie ihr zu Hause in Berlin gefunden hat. Sie ist ehemalige Geflüchtete und jetzige Migrantin. Bevor sie vor kurzem beim Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (NeMO) anfing, arbeitete sie viele Jahre bei der Association for Women’s Rights in Development (AWID).

"...und sie kommen nicht in die normale Presse rein" Warum Geflüchtete und Migrant*innenorganisationen selber Radio machen

Erfahrungen aus Dresden und Potsdam. Ein Gespräch zwischen Andreas Hempel, Thomas Herold, Obiri Mokini und Günter Platzdasch

Kurzfassung (ca. 25 Min.)

Langfassung (ca. 55 Min.)

Kurzbiografien

Andreas Hempel


Er ist Soziologe und arbeitet seit 2010 (die ersten fünf Jahre ehrenamtlich) für Afropa e.V. (Dresden). Gegenwärtig ist er dort tätig als samo.faPlus Koordinator und Mitgeschäftsführer des Vereins.

Thomas Herold


Er ist Künstler und ehrenamtlicher Radiomacher und arbeitet seit 2020 bei Afropa e.V. (Dresden). Er ist besonders für die Öffentlichkeitsarbeit und das im Aufbau befindliche Studio verantwortlich.

Sherin Issa


Sie flüchtete Anfang 2016 aus dem Kurdengebiet im Nordosten Syriens. Auf verschlungenen Wegen landete sie schließlich in Ostthüringen, in Jena. Hier hat sie gerade die Fachhochulreife erworben und möchte nun an einer deutschen Fachhochschule Architektur studieren.

Obiri Mokini


Er ist Vorstands-vorsitzender von Cagintua e.V. 1996 kam er als Geflüchtete nach Deutschland. 15 Jahre lebte Obiri Mokini in einer Gemeinschaftsunterkunft in Brandenburg. Im Jahre 2016 hat er zusammen mit anderen Mitgliedern von Cagintua e.V. beschlossen, Refugee Radio zu starten.


 
Günter Platzdasch


Er ist Koordinator am samo.fa-Standort Jena/Weimar, ist Jurist und Journalist (freier Mitarbeiter „Frankfurter Allgemeine Zeitung“) und Hobby-Radiomacher seit 2012. In einer allwöchentlichen Sendung des Bürgerradios Offener Kanal Jena stellt er mit einem Freund Länder oder Regionen und deren Musik vor.

Videobeitrag samo.fa-Standort Jena/Weimar

Ein Fragment aus dem Film "Stadtportrait FREIBURG" mit Rufine Songué

Steckbriefe

Steckbrief über Refugee Radio Potsdam

Refugee Radio Potsdam ist ein von Menschen mit Fluchterfahrung produziertes Radioprogramm. Unter dem Dach des Vereins Cagintua e.V. sendet Refugee Radio Potsdam jeden dritten Montag im Monat zu Themen in den Bereichen Flucht (-Ursachen), Migration und gesellschaftliche Teilhabe. Refugee Radio Potsdam ist in der Anti- Rassismus- und -Diskriminierungsarbeit sehr aktiv.

Steckbrief über Weltclub Radio von Afropa e.V.

Weltclub-Radio des Verbundes Weltclub /Afropa e.V. sendet wöchentlich für migran- tische Communities über Weltempfänger. Es berichtet aktuell über die Aktivitäten des Weltclubs, über wichtige lokale wie internationale News.
Weltclub Radio von Afropa e.V. kooperiert mit coloRadio Dresden.

Steckbrief über Radio coloRadio Dresden

Weltclub-Radio des Verbundes Weltclub /Afropa e.V. sendet wöchentlich für mgrantische Communities über Weltempfänger mit Thomas Herold.

Mehr Informationen unter: www.afropa.org


 

coloRadio ist Freies Radio aus Dresden: Konsequent gegen medialen Mainstream. Stets auf der Seite all jener, die im medialen Hörbrei sonst nicht zu Wort kommen.
ColoRadio wird von Radio-Initiative Dresden e.V. getragen und ist Mitglied im Dachverband Freier Radios.

Mehr Informationen unter: www.coloradio.org

Steckbrief über Our voice – Die Stimme der Unsichtbaren

Sendezeit: Jeden 1., 2., 3. und geg. 5. Mittwoch um 16 Uhr
Mehr Infos unter:
www.rdl.de/sendung/our-voice-die-stimme-der-unsichtbaren

Social Media oder Radio: einfach zu nutzen – und wirkungsvoll

Im Anfang war das Wort, das nicht gehört wurde: „Weil im Geflüchteten-Wohnheim es Probleme gab, über die Geflüchtete reden wollten, aber sie nicht in die normale Presse reinkamen.“ Das war der Auslöser in Potsdam, so berichtet Obiri Mokini (NeMiB), einfach selber Radio zu machen. Er produziert in der Landeshauptstadt des Bundeslandes Brandenburg inzwischen regelmäßig Radiosendungen mit Geflüchteten (Interview auf dieser Seite). Es gibt sehr verschiedene Gründe und Möglichkeiten für Geflüchtete und Migrant*innen, in Medien selbst aktiv zu werden, um sich Gehör zu verschaffen.

Migrant*innen und Medien: Als die „Gastarbeiter*innen“ aus dem Süden Europas von der alten Bundesrepublik als Arbeitsmigrant*innen angeworben worden waren, schufen sie sich eine eigene Medien-Subkultur. Was damals die erste Generation mit Migrationsgeschicht auf Tonbändern in ihren Gemeinschaften verbreitete, ist auf der CD „Songs of Gastarbeiter“ zu hören. Seit 2008 gibt es in der englischen Küstenstadt Brighton den Sender Refugee Radio. Auch aus Litauen und Polen organisiert die belorussische Opposition über den Kurznachrichtendienst Telegram ihre Proteste gegen Diktator Aljaksandr Lukaschenka. Ein Künstlerpaar, das aus dem Iran floh und nun in Weimar lebt, macht auf Facebook Reklame für eine Radiosendung, die es selber produziert: Radio Chamedoon, ein Kinder- und Jugendradio in persischer Sprache. Wer auf Twitter unterwegs ist, erreicht fast alle wichtigen politischen Organisationen und vor allen auch die wichtigsten Journalist*innen und ihre Medien. Und um noch ein wichtiges Internet-Medium zu nennen: Man sollte nicht vergessen, dass nach Google das Videoportal YouTube die zweitgrößte Suchmaschine ist – obwohl es eigentlich gar nicht als solche bekannt ist. Nicht wenige nach Deutschland geflüchtete Syrer*innen informieren sich über das deutsche Schulsystem lieber mit Erklär-Videos von Landsleuten auf Facebook als durch deutschsprachige Merkblätter und Broschüren von Kultusministerien.

Konzentrieren wir uns beispielhaft auf ein Medium: das Radio! In Deutschland gibt es da gute Strukturen, so dass Jede*r eigene Sendungen produzieren und senden kann. Denn neben all den öffentlich-rechtlichen Sendern, neben Privatradios und Privatfernsehen gibt es schon lange auch noch ein Netz von Bürger*innenradios, Freien Radios und Offenen Kanälen, in denen alle daran Interessierten Radio oder Fernsehen (das wechselt von Ort zu Ort) machen können. Als in einer Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung 1997 über Offene Kanäle Hans-Uwe Daumann von der interkulturellen Arbeit in Ludwigshafen berichtete („Babylon in der Provinz“), da ging es noch um eine Seltenheit. Allerdings eine mit Vorgeschichte: Ein Teil der dortigen Aktivist*innen „hatte schon 1982 im von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten ‚Treff International‘ mit einer Schwarzweiß-Umatic-Ausrüstung einen Videospielfilm mit türkischen Jugendlichen gedreht.“

Als dann 1989 die erste Wahl eines Ausländerbeirats in Ludwigshafen anstand, setzten sich Menschen aus verschiedenen Organisationen an einen Tisch, um ihr Projekt interkultureller Sendungen im Offenen Kanal Ludwigshafen zu starten.

Wir haben uns mit Aktivist*innen aus zwei samofa-Standorten unterhalten, die ihr eigenes Radio veranstalten: mit Andreas Hempel und Tom Herold aus Dresden sowie mit Obiri Mokini aus Potsdam; auch der Interviewer ist ein Hobby-Radiomacher. Die Ansätze und Motivationen für Radioproduktionen sind dabei sehr verschieden. In Jena steht das Interesse an Weltmusik im Vordergrund. In den Sendungen im Offenen Kanal Jena werden einzelne Länder, Regionen oder fremde Musikinstrumente vorgestellt; Studiogäste berichten im Gespräch darüber. Dabei geht es auch um aktuelle Ereignisse wie den Krieg im Jemen oder die Konflikte in der Ukraine und Belarus. In Dresden wurden ColoRadio-Sendungen vom Afropa-Verein initiiert, und natürlich ist viel von dessen Aktivitäten und Umfeld die Rede, jeweils mit Gästen aus diesem Dresdner Netzwerk. Inzwischen gibt es dort auch den Podcast „Powerful Women of Colour“. In Potsdam stand die Frustration über fehlende Öffentlichkeit für Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften am Anfang des Engagements – siehe oben: weil „sie nicht in die normale Presse reinkamen“. Inzwischen sendet dort jeden dritten Montag im Monat das Refugee Radio Potsdam, an dem etliche Migrantreporter*innen mitwirken, die über die Lage und Aktivitäten in der und um die Landeshauptstadt berichten – aus der Sicht von Geflüchteten und Migrant*innen.

Obiri Mokini, Gründer des Potsdamer Refugee-Radios, berichtet im Gespräch mit seinen Dresdner Kollegen, wie er allmählich sogar eine umfangreichere technische Ausrüstung anschaffen konnte. Wo so etwas klappt, kann man sich freuen. Aber um anzufangen, ist das gar nicht nötig. Um etwas aufzunehmen, um jemand zu interviewen, reicht heutzutage schon ein normales Mobiltelefon. In diesen sind mittlerweile ziemlich gute Mikrofone verbaut. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie war es aber nicht möglich, so ohne weiteres in Senderstudios zu gehen oder überhaupt Leute zum direkt-persönlichen Gespräch zu treffen. Aber auch für Gespräche über Distanzen gibt es inzwischen gut bedienbare, kostenlose Software. Das hier dokumentierte Gespräch unter den vier Radiomachern, die währenddessen in Dresden, Jena und Potsdam saßen, haben wir mit der Software Zencastr aufgenommen. Und um aus eigenen Aufnahmen, interessanten O-Töne oder Musik schließlich eine Radiosendung zu schneiden, gibt es einfache und kostenlose Software. Am beliebtesten ist wohl Audacity.

Also: nur Mut für eigene Sendungen! Aus der Neuen Stadtgesellschaft, für die Neue Stadtgesellschaft – zu der die Stimme von Geflüchteten und anderen Menschen mit Migrationsgeschicht gehört.

Autor: Günter Platzdasch

Seit 2013 erhält unser Verband eine strukturelle Förderung durch das BMI  Gefördert durch das Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

Seit 2013 erhält unser Verband eine strukturelle Förderung durch das BMI

Gefördert durch das Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages